Der "Beilsteiner Kreis"

Die Teilnehmer am Seminar "Beilstein III" (April 2006) vor Burg Hohenbeilstein

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Der Beilsteiner Kreis - was wir wollen

Wir sehen den über Jahrhunderte gewachsenen kulturellen Reichtum Europas, der in Vielfalt gründet und in der Fähigkeit zu friedlichem Zusammenleben, letztere schmerzlich erworben als Lehre aus den Tragödien der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, akut gefährdet durch die Zwangsjacke moderner Monokultur: der Ökonomisierung aller Lebensbereiche, zuvörderst der Bildung und aller sie vermittelnder Institutionen.

Hier warnend unsere Stimme zu erheben, sehen wir als unsere Aufgabe.


Wer ist der Beilsteiner Kreis?

Der Beilsteiner Kreis ist ein loser Zusammenschluss von Hochschulprofessor(inn)en national und international mit Schwerpunkt in Baden-Württemberg.
Ursprünglich ist er entstanden aus der Besorgnis, dass die derzeitigen Reformen und Strukturveränderungen im Bildungswesen und besonders an Hochschulen aus einem unbemerkten Wandel im Verständnis des Bildungsbegriffes hervorgehen, einem Wandel, den viele Bildungsengagierte mit Unbehagen verspüren und nicht mittragen wollen:

von Bildung als emanzipatorische "Waffe" des freien Bürgers zur käuflichen und handelbaren Ware.

So traf sich der Kreis erstmals 2004 in Beilstein in Württemberg, um diesen Wandel im gesellschaftlichen Verständnis von Bildung nachzuzeichnen. Unter dem Titel

Wa(h)re Bildung? Vom Paradigmenwechsel beim Bildungsbegriff"

wurde in geschichtlicher Rückschau -diese im Licht regionaler Unterschiede, Beiträge von Referenten aus Ungarn und den USA waren erhellend- der Wandel im Verständnis vom Bildungsbegriff heraus gearbeitet und mit dem eigenen Verständnis jedes -in der
Hochschullehre engagierten- Teilnehmers gespiegelt. Begriffsklärung wurde mit diesem Seminar erreicht, "Begriffsklärung" wäre ein treffend beschreibender alternativer Titel für die Veranstaltung.

In der Folge wurden die Erkenntnisse des Seminars von Teilnehmern in die Öffentlichkeit getragen und bei internationalen Symposien lebhaft diskutiert. Insbesondere Hochschullehrer(innen) aus der Schweiz zeigten sich interessiert und engagiert, weil gerade in der Schweiz das Hochschulsystem in radikalem Umbruch ist und die Veränderungen oftmals auf nicht nachvollziehbaren oder auch nur auf nicht kommunizierten Grundüberzeugungen fußen.

Der Austausch darüber, wie jede(r) Einzelne die Umbrüche im Bildungswesen in seinem Alltag verspürt, wie sie/er sie aufnimmt, umsetzt, verarbeitet, wurde als besonders notwendig empfunden, und diesem Drang kam das zweite "Beilstein"-Seminar 2005 (veranstaltet in Saig im Südschwarzwald) unter dem Titel

"Bildung war - und heute ? Innenansichten und Einsichten aus internationalen Hochschulen"

nach. Unter starker Beteiligung und aktiver Mitwirkung von Schweizer Kolleginnen und Kollegen, aber auch mit Blick über die Grenzen Europas hinaus -ein Referent berichtete über die Situation in Brasilien- wurde Bestandsaufnahme praktiziert; das Ergebnis überzeugte die Teilnehmer(innen), man solle versuchen, mit der von allen geteilten Besorgnis

kulturelle Verarmung durch Ökonomisierung aller Lebensbereiche

aus dem "innerfamiliären" Kreis der Hochschulen herauszutreten und den Kontakt zu anderen gesellschaftlichen Gruppen herzustellen, die Ähnliches erleben und Gleiches befürchten.

Wieder war es der Aktivität der Teilnehmer(innen) am Beilsteiner Kreis zu verdanken, dass diese Weiterung gelang. Es wurde Verbindung aufgenommen mit dem "Forum Kritische Pädagogik" um Professor Dr. Ulrich Herrmann, Tübingen, das neben weiteren öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten im Jahre 2005 in einer großen Veranstaltung in Frankfurt etwa dreihundert um die Zukunft der Pädagogik besorgte Bildungsengagierte unterschiedlichster Herkunft zusammenführte. Professor Herrmann erklärte sich bereit, zum nächsten Treffen des Beilsteiner Kreises seine Erfahrungen als kritischer Pädagoge und Ausführungen zur theoretischen Basis seiner Arbeit mit einem Referat beizutragen.

Von den Schweizer Kolleg(inn)en wurde Kontakt hergestellt mit Travail Suisse, der Dachorganisation der Arbeitnehmenden in der Schweiz, der auch der gesamtschweizerische Fachhochschulverband angehört, und mit deren bildungspolitischem Sprecher, Bruno Weber-Gobet, wurde ein "politischer" Referent für das dritte Treffen des Beilsteiner Kreises 2006 gewonnen, diesmal wieder in Beilstein veranstaltet.

Dieses Treffen war das Politik-nächste in der bisherigen Reihe. Dafür sorgte auch ein Referat des ehemaligen Baden-Württembergischen Wissenschaftsministers Dr. h.c. Klaus von Trotha, der selbst Initiator und Mitträger der gegenwärtigen Entwicklungen im Bildungswesen war und seine Beweggründe und Überzeugungen ausführlich darlegte.

Und schließlich wurde vom Leiter des Referats für Technik- und Wissenschaftsethik an den Hochschulen Baden-Württembergs, Professor Dr. Michael Woerz, Karlsruhe, die Verbindung geknüpft zwischen Bildung und nachhaltiger Entwicklung; Bildung kann das Individuum zum Handeln zur nachhaltigen Gestaltung von Entwicklung befähigen -auch dies ein politisches Handeln-, Bildung kann die Entwicklung der Persönlichkeit selbst nachhaltig werden lassen im Sinne der Mehrung und
eigenverantwortlichen Nutzung von individuellen Optionsalternativen. Beide Aspekte lassen sich verkürzt zusammenfassen unter dem Begriff "nachhaltige Bildung", und daraus leitet sich der plakative Titel des dritten Treffens des Beilsteiner Kreises ab:
" Bildung unter Druck - Wer gestaltet nachhaltig(e) Bildung ? "

Konkretes Ergebnis des dritten Treffens: die "Beilsteiner Erklärung", in der Mitglieder des Beilsteiner Kreises ihre Besorgnis um die negativen Folgen der Veränderungen im Bildungswesen im engeren und gesamtgesellschaftlich im weiteren formulieren. Es ist eine politische Erklärung in dem Sinne, dass Hochschullehrer(inne)n sich öffentlichkeitswirksam und gesellschaftlich wahrnehmbar äußern und auf ihres Erachtens gefahrvolle Entwicklungen hinweisen. Die Erklärung wird im Sommer 2006 breit verteilt.

Für den Beilsteiner Kreis:

Prof. Dr. Steffen Bohrmann
Hochschule Mannheim

Prof. Dr. Armin Gemmrich
Hochschule Heilbronn

Prof. Dr. Harald M. Hoffmann
Hochschule Mannheim


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Stand: 27.04.2011 gp